Foto-Grundwissen leicht gemacht: Belichtung, EV/BW, ISO, f-stop, Blende, Belichtungstzeit
Intro
In den letzten zwei Monaten haben wir immer wieder Fotografie-Begeisterte getroffen, die sich damit schwer tun, die Grundparameter der Fotografie, wie Blende, Verschlusszeit oder Belichtungswert, zu verstehen und sie beim Fotografieren bewusst und zielführend anzupassen. Dieses Phänomen ist wohl darauf zurückzuführen, dass die Anfänger einfach von den ganzen Masse an Optionen und elektronischem Schnick-Schnack in einer (Spiegelreflex)kamera fast „geschlagen“ werden und eine Entscheidung treffen, die Kamera auf Vollautomatik umzustellen und „später mal tiefer eintauchen“. Das berühmter „später“ besucht uns aber selten, das böse verschiebt sich einfach immer weiter ;-)
Ein anderer Grund dafür kann auch sein, dass es relativ wenige Informationen über Grundbausteine der Fotografie im deutschsprachigen Internet gibt (im Gegensatz zum englischsprachigen). Daher haben wir beschloßen, eine Reihe an Artikel bzw. Blogposts zu schreiben, in denen wir kurz, sehr einfach und äußerst pragmatisch die Grundsteine der Fotografie erklären.
Anmerkung an Noctilux-Besitzer: ihr braucht wahrscheinlich diesen Artikel nicht zu lesen. :-)
Es dreht sich nur ums Licht (Belichtungswert/BW)
Das Entscheidende in jeder Situation ist die Menge am Licht, oder ein so-genannter Belichtungswert (BW), oder auf Englisch Exposure Value (EV). Die Stufen von BW werden durch Zahlen bezeichnet, die erfahrungsgemäß der Lichtmenge in einer bestimmten Situation entsprechen, z.B.- -6: sehr sehr dunkel, weit vom Stadtlicht, das Foto-Objekt ist nur unter dem Sternlicht, es gibt keinen Mond
- +3: Licht von Feuerwerken
- +9: Landschaften oder Stadtszenen 10 Minuten nach dem Sonnenuntergang
- +12: draußen ist sehr bewölkt, das Objekt bekommt kein direktes Sonnenlicht
- +15 (!): ein sonniger Tag (dieser Wert ist der wichtigste und muss auswendig gelernt werden)
- +16: ein sonniger Tag mit viel reflektiertem Licht, wie z.B. beim Skifahren oder am Strand.
Achtung: diese Werte gelten bei ISO 100 (siehe unten). Eine genauere praxisorientierte Beschreibung von BW Stufen bei ISO 100 findet man hier.
Wichtig: jeder Schritt zwischen den Zahlen bedeutet eine verdoppelte bzw. halbierte Lichtmenge. Z.B. BW 15 bedeutet, dass es doppelt so viel Licht gibt, als bei BW 14.
„Was soll ich jetzt tun?“ fragst Du Dich, „diese Tabelle auswendig lernen?“ Eindeutiges JEIN: in manchen schwierigen Situationen ist die Tabelle eine große Hilfe, aber in meisten Fällen hilft ein Lichtmesser. Diese Fälle beschreiben wir in weiteren Artikeln.
Zunächst musst Du allerdings noch 3 weitere Parameter grob verstehen. Und zwar darum:
Wichtig. Die Kamera muss wissen, wie viel Licht es gibt und dementsprechend wie viel Licht sie reinlassen muss, um den Film/Sensor ausreichend zu belichten. Belichtung setzt sich zusammen aus:- Blende (oder f-Wert oder auf Englisch Aperture): einfach gesagt, definiert, wie WEIT die Blende geöffnet wird, und damit wie viel Licht in das Objektiv reinkommt.
- Belichtungszeit (Englisch: shutter speed): definiert, wie LANG der Verschluss offen bleibt, und damit wieder wie viel Licht reinkommt.
- Empfindlichkeit (ISO, ASA, Englisch: sensitivity): definiert, wie empfindlich der Sensor auf das Licht reagiert.
Blende
Blende-Werte definieren, wie breit/weit der Blendeverschluss geöffnet wird und werden durch eine ziemlich unverständliche Zahlenreihe bezeichnet:
f 1, 1.4, 2, 2.8, 4, 5.6, 8, 11, 16, 22, 32, 45.
Warum die Zahlen so komisch sind ist erstmal egal, was wichtig ist, ist dass jede weitere Zahl eine Blendeöffnung bezeichnet, die die halbierte Menge am Licht ins Objektiv reinlässt. Z.B. lässt f/5.6 nur eine Hälfte an Lichtmenge von f/4 rein (andere Parameter unverändert).
Einen Schritt zwischen Nachbarnzahlen wird als ein f-stop bezeichnen, also der Unterschied zwischen f4 und f5.6 ist ein f-stop. Bei Digitalkameras gibt es auch in der Regel die Möglichkeit, die Blende, Belichtungszeit und ISO feiner in Unterstufen einzustellen, einfach ausgedruckt mit der Feinheit von 1/3 oder 1/2 von einem f-stop. Daher kannst Du auch Zahlen wie f/1.8 oder f/2.2 sehen. Das Prinzip vom Verdoppelung oder Halbierung der Lichtmenge bleibt davon unberührt: z.B.: f/1.8 ist f/1.4 minus 1/3 von einem f-stop (d.h. Blende weniger geöffnet), d.h. bei f/1.8 kommt 33% weniger Lichtmenge als bei f/1.4 rein.
Belichtungszeit.
Definiert, wie lange der Verschluss offen bleibt, und wird durch eine Zahlenreihe wie z.B. folgt beschrieben:
15´´, 8´´, 4´´, 2´´, 1´´, 2, 4, 8, 15, 30, 60, 125, 250, .... 8000
Die Zahlen bedeuten nichts anderes als Zeit in Sekunden bzw. Teilen einer Sekunde:
15 (sek), 8, 4, 2, 1, 1/2, 1/4, 1/8, 1/15, 1/30, 1/60, 1/125, ....... 1/8000.
Die wichtigste Regel bleibt bestehen: jede nächste Zahl bezeichnet eine verdoppelte bzw. halbierte Lichtmenge. z.B. bei Belichtungszeit 1/30 Sek. wird eine Hälfte des Lichts im Vergleich zu 1/15 Sek. aufgenommen. Daher kann man auch bei Belichtungszeiten einen Schritt als ein f-stop bezeichnen. (Dies ist für Profis technisch unkorrekt, da „f“ sich auf die Blendewerte bezieht, aber bei uns – Pragmatiker – es ist so: ein Schritt nach links oder nach rechts ist ein f-stop).
Empfindlichkeit
Empfindlichkeit wird durch ISO bwz. ASA-Werte bezeichnet (für alle praktische Ziele ASA-Wert=ISO-Wert hier) und bedeutet, wie groß der „Fußabdruck“ des Lichtes ist. Empfindlichkeit wird durch ISO-Werte bezeichnet:
25, 50, 100, 200, 400, 800, 1600, 3200 (für glückliche Besitzer einer high-end DSLR oder für analoge Menschen mit einem 3200-Film).
Die Regel ist gleich: ein Schritt (f-stop) nach links oder rechts bedeutet eine halbierte bzw. verdoppelte Empfindlichkeit. Anderes ausgedruckt in Terminologie der Elektronik: Umschaltung von ISO 100 auf ISO 200 bedeutet, dass die Stärke des elektronischen Signals, das der Lichtmenge entspricht und letztendlich auf dem Sensor gespeichert wird, verdoppelt wird.
Blende, Belichtungszeit und Empfindlichkeit zusammengeführt
Wir haben bereits angedeutet, dass:
Belichtungswert entspricht der Lichtmenge und ist eine Kombination aus Blende, Belichtungszeit und Empfindlichkeit
Dies stimmt immer noch :-) und es gibt zum Glück Eckwerte oder Ankerwerte, die es sehr leicht machen, zu wissen wie genau die Werte zusammenhängen.
Sonnig f/16-Regel: an einem hellen sonnigen Tag ist die richtige Belichtung bei der Blende f/16 und der Belichtungszeit, die am nahesten an ISO-Kehrwert ist.
Beispiele:- bei ISO 100 ist der richtige Ausgangspunkt ISO 100 / f16 / 1/125 sek
- bei ISO 200 ist der richtige Ausgangspunkt ISO 200 / f16 / 1/250sek
Anpassung der Werte in Praxis
Gut, wir haben einen Ausgangspunkt. Aber wie ändert man die 3 Komponenten – Blende, Belichtungszeit, Empfindlichkeit – damit die richtige Belichtung nicht gestört wird, oder damit die Belichtung an der Situation angepasst wird?
Prinzip: um ein gut belichtetes Foto zu machen, braucht die Kamera immer gleiche Lichtmenge, die gleiche wie bei der Sonnig-f/16-Regel. Der Unterschied in der Lichtmenge, der zwischen den konkreten Lichtbedingungen und einem sonnigen Tag bei der Sonnig-f/16-Regel besteht, muss durch Veränderung einiger oder aller 3 Aspekten – Blende, Zeit, ISO – kompensiert werden.
Beispiel: wir fotografieren an einem bewölkten Tag. BW-Wert für diese Bedingungen ist +12.- Wäre es ein heller sonniger Tag (BW 15), könnte man ISO 100 / f16 / 1/125sek nehmen („Sonnig f16-Regel“).
- der Unterschied zwischen BW 12 und BW 15 ist 3 Schritte oder 3 f-stops. D.h. an diesem Tag gibt es 1/8 der Lichtmenge im Vergleich zu dem Ausgangspunkt – dem hellen sonnigen Tag (jeder f-stop bezeichnet Halbierung bzw. Verdoppelung der Lichtmenge, also 3 f-stops sind 2×2x2=8-mal Unterschied). Die Kamera will trotzdem eine Äquivalent der Lichtmenge an einem sonnigen Tag bekommen, um eine richtig belichtete Aufnahme zu machen. Also – muss man die Lichtdifferenz kompensieren.
Um die Belichtung an der Lichtstärke des bewölkten Tages anzupassen, muss man die Lichtmenge=Belichtung um 3 f-stops erhöhen, d.h. 8-mal erhöhen. Diesen Effekt könnte mann dadurch erreichen, dass z.B.
- Belichtungszeit um 3 f-stops verlängert wird: von 1/125sek auf 1/125×2 x 2×2 = 1/15 Sek; Ergebnis: ISO 100 / f16 / 1/15 sek
- Blende um 3 f-stops geöffnet wird: f/16 -> f/11 > f/8 -> f/5.6; Ergebnis: ISO 100 / f5.6 / 1/125 sek
- Empfindlichkeit/ISO um 3 f-stops erhöht wird: von ISO 100 auf 200->400->ISO 800; Ergebnis: ISO 800 / f16 / 1/125 sek
- Belichtungszeit um 1 f-stop verlängert und Blende um 2 f-stops geöffnet werden, Ergebnis: ISO 100 / f8 / 1/60 sek
- Belichtungszeit um 1 f-stop verlängert, Blende um 1-stops geöffnet werden, und ISO um 1 f-stop erhöht werden; Ergebnis: ISO 200 / f11 / 1/60sek
- Blende um 5 f-stops geöffnet und Belichtungszeit um 2 f-stops verkürzt wird; Ergebnis: ISO 100 / f2.8 / 1/500sek
- Differenz zwischen Sonnig-f/16-BW (=15) und der konkreten Situation herausrechnen, gemessen an f-stops.
- die f-stop-Differenz durch Anpassung von ISO, Zeit, und /oder Blende kompensieren. Wenn es weniger Licht als an einem sonnigen Tag gibt, dann länger bzw. bei mehr geöffneter Blende bzw. bei höherer ISO belichten.
- Hauptsache: Summe der Anpassungen von Blende, Zeit, und ISO ist gleich Differenz der BW zwischen der Situation und Sonnig-f/16-Regel.
Alternativ
Eine Alternative ist die Tabelle, die eine Reihe von bereits vorgefertigten potenziell passenden Kombination(en) von ISO, Belichtungszeit und Blende vorgibt. Zu benutzen ist die Tabelle sehr einfach:- Zunächst wählt man im linken Teil der Matrix den gewollten bzw. vorhandenen ISO-Wert aus
- dann in der Spalte mit dem ISO Wert sucht man die richtige Belichtungswert, die zum vorhandenen Licht passt
- dann sind in der rechten Teil der Tabelle unterschiedliche Kombinationen von Belichtungszeit und Blende-Werten zu finden
- man kann auch erstmal bei einem vorgegebenen BW-Wert einen gewünschten ISO-Wert aussuchen und dann nach rechts gehen.
Tabelle ist hier
Jetzt wisst Ihr, wie man eine technisch korrekte Belichtung einstellen KANN. Und welche Parameter aus zahlreichen möglichen Kombinationen SOLL man wählen? Darüber schreiben wir in nächsten Artikeln.
(Fortsetzung folgt)
Comments
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Sehr schöner Blog-Eintrag der leicht verständlich zeigt wie die Zusammenhänge sind. Bin schon sehr auf die Fortsetzung gespannt. Weiter so!
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Yep, sehr gut gemacht - und super finde ich die Tabelle...ich bin nämlich immer zu faul, im Kopf nachzurechnen *g*
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Hi! Super Beitrag. ein Kollege hat mir das alles mal am Tresen erklärt, aber die Details sind mir dann irgendwie abhanden gekommen. die f/16 er Regel wird mir-hoffentlich-bei meiner boxkamera sowie den neuen lomos sehr nützlich sein... anfangs gar nicht so einfach , wenn man gleich mit DSRL losgelegt hat und dann die Basis nachlernen muss... vielen Dank nochmals!
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Schöner Artikel; wenn mich mal wieder jemand zu dem Thema fragt, werd ich ihn hierhin verweisen ... hab einen Verweiß bei mir geschrieben; Trackback ist gesendet ...
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Aha-Effekt! Tolltolltoll. Danke.