Wozu Lichtstärke mehr als 2,8? - z.B. für Konzertfotos
Vor zwei Wochen gab’s in München die Lange Nacht der Musik: hunderte Kneipen, Cafes und Restaurants präsentierten Live Music am gleichen Abend, man musste nur einmal Eintritt bezahlen. “Tolle Veranstaltung, eine gute Gelegenheit, einige Fotos zu machen” dachte ich. Dann kam sicherlich die Frage – welches Equipment soll ich mitnehmen. Bei Lichtbedingungen gab’s nur eine klare Sache – es wird nicht viel Licht geben (also die Leistung der Kamera bei hohen ISO-Zahlen ist sehr wichtig); ansonsten weiß man nicht im Voraus, ob es starke Projektoren geben werden, oder sanfte Halbdunkelheit. Ich wusste auch nicht, wie nah ich an die Bühne kommen darf.
Mein erster Impuls bei der Wahl der Objektive war, zwei typische und relativ lichtstarke Zooms mitzunehmen, wie z.B. Canon EF 24-70mm 1:2,8 L USM und Canon EF 70-200mm 1:2,8 L IS USM. Mit der Flexibilität der Zooms wollte ich sicherstellen, dass ich unabhängig vom Abstand zur Bühne einige Porträts machen kann. Und dann habe ich meinen Kollegen Fuad nach einen Rat gefragt. Überraschend habe ich bekommen “Nimm ein 85er mit f/1,2 und nix mehr”. Lange Rede kurze Sinn – das habe auch gemacht, und diese Empfehlung hat mein Shooting gerettet.
Mein Lieblingskonzert an dem Abend war die Performance von Giana Viscardi aus Brasil in einem mittelgroßen Cafe. Die Beleuchtung war nicht sehr schwierig – es gab keine starke Projektoren auf der Bühne sondern nur einige Lampen; allerdings gab es eine zentrale Herausforderung – einfach sehr wenig Licht. Daher wurde Mehrheit von meinen Bildern bei ISO 1600 (Sinnvolle Grenze bei EOS 5D), Verschlusszeiten um 1/125 (bei 85mm und einer sehr temperamentvollen sich ständig bewegenden Sängerin für scharfe Bilder notwendig) und Blenden 1,4 bis 2,2 gemacht. Da lernt man sehr schnell, Lichtstärke zu schätzen! Die übliche Lichtstärke f/2,8 von sogar Hochleistungszooms hätte einfach nicht mithalten können: bei 2,8 hätte ich Verschlusszeiten von 1/60 bis 1/30 gehabt, und dementsprechend fast alle Bilder unscharf. Nur kreative Fotografie hätte mir dann geholfen :-)
Einige Bilder (Canon EOS 5D + EF 85mm 1:1,2 L II USM):


Welche Ansätze waren unter diesen Bedingungen auch hilfreich :
Z.B. mit dem Messfeld fokussieren, das den Augen sehr nah steht. Im Studio benutz man sehr oft die Technik “focus-recompose” – es wird zunächst mit dem Zentralmessfeld auf die Augen scharfgestellt, und dann den Bildschnitt geändert. Dieser Ansatz ist in Ordnung für Studio-Fotografie, wo man bei Blenden f/8-11 arbeitet und die Schärfentiefe dementsprechend groß ist. Bei Blenden 1,4 bis 2 beträgt die Schärfentiefe einige mm oder cm, und durch “recompose” verschiebt sich die Schärfenfläche zu weit vom Gesicht des Künstlers. Daher soll man i.d.R. ein anderes Messfeld vorauswählen. Dabei muss man allerdings einen Nachteil beachten – die anderen Messfelder sind oft nicht so präzise wie das zentrale Feld und der AF kann deswegen Fehler produzieren. Dagegen hilft nur eines – mehrere Bilder machen.
Zur Lichtmessung: Zentralbetonte oder Spotmessung haben sich bewährt, weil die relativ starke Lampen hinter der Sängerin bei Matrixmessung durcheinander bringen und zu unterbelichtetem Gesicht führen.
Wenn es geht, sollte man auch darauf aufpassen, dass die starken Lichtquellen hinter dem Sänger nicht zu nah zum Kopf abgebildet werden – sie lenken dann die Aufmerksamkeit vom Künstler ab und sind nur mühsam in Photoshop wegzuschaffen. Aber die Umsetzung dieser Empfehlung ist deutlich schwieriger als die Theorie.
(Zur Info: Die Bilder wurden nur in Lightroom nachbearbeitet, kein Photoshop).
Comments
-
Coole Bilder! Ja, 1.2 ist schon ne feine Blende! Hab mit meinem Nikkor 50 1.8 auch sehr gute Ergebnisse erzielen können. Das 85er 1.8 würde mich schon auch jucken...