Digitalknipser im analogen Urlaub
Oder: Lernen DANK, nicht trotz Einschränkungen
Vor kurzem habe ich mir einen kurzen 4-tägigen Urlaub in ländlichen Teilen Nordspaniens gegönnt. Irgendwie gab’s keine digitale Spiegelreflexkamera gerade verfügbar und ich lies mich durch meinen Kollegen überzeugen, eine vollmanuell-mechanische alte Nikon FM2 mit ein paar Filmen mitzunehmen. Die Kamera ist wirklich ein mechanischer Wunder – Verschlusszeiten von 1/4000 Sek. und Synchronisationszeiten von 1/250 Sek. vollmechanisch sind möglich. Die Kamera hat einen kleinen Akku, aber dieser wird nur für die relativ einfache Belichtungsmessung eingesetzt. Dazu habe ich zwei Filme mitgenommen – Fujichrome Velvia 50 für schöne Landschaften (Nordspanien ist sogar im Hochsommer sehr grün, mit Bergen und Ozean) und Kodak TriX 400 (für einige strukturreiche Aufnahmen in Dörfern, Schwarz-Weiss). Als ob es nicht genug analog wäre, habe ich nur ein Festbrennweite-Objektiv mitgenommen – das Carl Zeiss Distagon 28mm f/2 mit. Für diejenigen, die nicht wissen – dieses Objektiv hat keinen Autofokus.
Ich behaupte jetzt mal, dass die meisten modernen „digitalen“ Fotografen (auch als „Digitalknipser“ bekannt :) würden diese Ausstattung viel zu „manuell“ finden oder sogar sich damit überhaupt nicht zurecht finden. So eine Ausstattung in Urlaub zu nehmen?! – Ist doch bescheuert! Typische Argumente: - Festbrennweite? – es schränkt doch meine Kreativität ein! - Festbrennweite? – ich mache wenige gute Bilder, da viele Motive zur Brennweite nicht passen - MF? – wie soll ich bitte schön Leute fotografieren!? Sie bewegen sich! - Vorgegebene Farbenqualitäten und ISO (Sättigung von Velvia, Schwarz-Weiss) – so viele Möglichkeiten gehen verloren!
Nachträglich kann ich nur sagen – alles Quatsch. Ich habe am Ende mehr gute Bilder gemacht als sonst, war bei weitem mehr kreativ als sonst und habe sehr gute Porträts von meinen Verwandten gemacht. Warum war es dann so? Ich denke ich war kreativer, produktiver und effizienter (weniger Ausschussbilder) nicht TROTZ sondern DANK der Einschränkungen analoger Fotografie.
Gerade weil die Einschränkungen da sind, überlegt man sich im Voraus, welche Motive man finden will und dann sucht sie ganz gezielt. Man denkt viel mehr an das Endprodukt, an das, was am Ende auf Leinwand oder Papier (für volldigitale Leute – auf Bildschirm) kommt. Wenn die Velvia z.B. sehr feines Korn und sehr saftige Farben herausgibt, dann suche ich die passenden Motive, wie z.B. Landschaften mit kontrastierenden grünen Bergen und blauem Himmel (Polfilter wirkt hier Wunder). Oder bunter rot-gelbe-orange spanische Häuser auf grüner Landschaft. Wenn es heute bedeckt ist und die Farben nur halbwegs zur Geltung kommen, dann nimmt man lieber TriX und sucht Motive z.B. im Dorf, wo man leicht viele strukturreiche verfallene und verlassene Gegenstände findet. Man macht sich halt Gedanken darüber, wie es am Ende aussehen SOLL.
Die Festbrennweite zwingt den Fotografen umso mehr, sich über die Komposition und Bildgestaltung Gedanken zu machen, und zwar VOR der Aufnahme. Diese Qualität – das Bild erstmal im Kopf zu „bauen“ und nur dann Knöpfe zu drücken – ist heutzutage ein seltenes Gut geworden. Bei einigen Fotoevents haben wir Leute getroffen, die darauf sehr stolz waren, dass sie an einem Tag 1.500 Bilder gemacht haben. Und am Folgetag waren sie immer noch beim Event. Oder andere Fotoamateuren berichten davon, dass sie das Limit vom Nikon D3’s Sensor (300.000 Bilder) schon ausgeschöpft haben.
Manueller Fokus ist sicherlich nichts für Sportsaufnahmen, aber bei Porträts ist er ziemlich ok und wieder – er zwingt zu überlegter, geplanter, durchdachter Arbeit. Wie SOLLEN die Leute sitzen, wohin sollen sie schauen, wie sind die Lichtbedingungen – über all das muss man sich bewusst im Voraus Gedanken machen. Am Ende kommen nur 2-3 Bilder, aber alles in diesen Bildern „sitzt“.
Eine andere extrem wichtige Tugend lernt man mit analoger Fotografie – die Fotos, bei denen man weißt, dass sie nie gut genug zum Großausdrucken sein werden, werden einfach nicht gemacht. Ich finde es äußerst wichtig, „Nein“ sagen zu können – „Nein, hier wird’s nichts, ich suche weiter“. So bleibt mehr Zeit für die wenigen ausgewählten Motive.
Die Einschränkungen zwingen einen auch, eigene Kreativität zu entlocken. Alles sieht langweilig aus mit dieser (Fest)Brennweite? – dann muss ich halt die interessante Perspektive oder einen guten Schnitt suchen. Froschperspektive ausprobieren, näher ans Motiv für Details, usw. Hätte man einen (Suppen-)Zoom, würde man wahrscheinlich den leichten Weg gehen – die übliche gewöhnliche 100-mal gesehene Perspektive nehmen und ein Bild für Terabyte-Speicherplatte produzieren.
Es geht auch weiter – voll manuell Blende und Verschlusszeiten einstellen. Es gibt zwar einen (primitiven) Belichtungsmesser in der Nikon FM2, aber was macht man in schwierigen Lichtsituationen? Wie war es nochmal mit „Mittelgrau“? Mist! Muss man wieder denken. Bin ich zu hart, oder zu Oberlehrer-mäßig? Glaube ich nicht – bei fast allen Workshops wird nur geknipst (der große Meister sagt „Blende 8, ISO 200, 1/200Sek. – go!“ und alle drucken ab) und kein Teilnehmer traut sich zu fragen, warum eigentlich Blende 8?
Zusammengefasst meine Botschaft: Wer zu modernen Digitalfotografen gehört (seien Sie ehrlich mit sich selbst) und seine Bilder verbessern will – nur eine analoge Kamera in nächsten Urlaub mitzunehmen und nur eine Festbrennweite mit MF! (OK, auch eine kleine Point-and-Shoot für die bessere Hälfte, zwecks friedlicher Stimmung und weniger Fragen).
Einige Bilder vom Urlaub, eingescannt, kaum Bildbearbeitung.

Comments
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Schöne Fotos. Ich fotografiere auch noch analog, finde aber, dass es immer schwieriger wird, ordentliche Abzüge zu bekommen, da selbst Fotofachgeschäfte meist die Filme in Großlabore einschicken oder aber, die Negative vor der Ausbelichtung auf irgendeine Art und Weise digitalisiert werden. Einer der Hauptgründe, neben dem Kostenfaktor, dass ich mich nun doch langsam mit Gedanken trage, eine digitale SLR anzuschaffen. Wo lassen Sie Abzüge von Ihren Negativen herstellen?
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Hallo P.Noack, ja, Sie haben leider recht. Da bleiben uns nicht viele Optionen übrig - Schwarz-Weiss-Abzüge vergrößern wir selber in einer Dunkelkammer (zu Hause und in einem Fotoclub in München), Farbfotos scannen wir mit einem Nikon Coolscan 8000 ein und drucken selber mit einem Fotodrucker, so dass wir Farben in dem ganzen Prozess kontrollieren können. Dies benötigt oft viel Finetuning, aber am Ende lohnt sich. VG, Alex
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Hallo P. Noack, in München lasse ich gerne bei klix-foto (http://www.klix-foto.de/) meine Bilder printen, direkt analog auf RA-4 Papier ohne vorherige Digitalisierung, das ganze zu sehr akzeptablen Preisen. Sogar fullframe mit schwarzem Rand und Passepartout ist möglich. Und im Notfall: C-41 selbst zu vergrössern ist nicht schwer und die notwendigen Gerätschaften gibt's günstig gebraucht.